Unterstützende Haltung im Gespräch kultivieren
Hallo liebe Leserin und Leser,
freue mich, dass du weiterhin meinem Blog treu bist. Oder bist du zum ersten Mal hier?
Ich habe mir vorgenommen den Menschen anders zu begegnen als früher. Und zwar mit einer unterstützenden Haltung. Sicher benötigen das nicht alle und du wirst vielleicht denken, das ist übertrieben. Teilweise vergesse ich es auch immer wieder, je nachdem um welches Thema es im Gespräch geht. Aber ich bemerke, seitdem ich diese Haltung bei mir kultivieren will, kann ich viel besser zuhören und mich auf den Anderen und die Andere besser konzentrieren. Ich bin erstaunt, wie gut ich jetzt meine Impulse unterdrücken kann, um den anderen nicht zu unterbrechen oder das Gespräch zu steuern, indem ich Fragen stelle, die den Gedankengang des Gegenübers unterbrechen bzw. nach meinem Wunsch ändern. Letztendlich ist das, wenn ich es genau nehme, eine Form der Manipulation, auch wenn ich dies meistens unbewusst getan habe. Ich lass jetzt den Anderen oder die Andere einfach reden. Was sie oder er sagen will ist ok, was nicht, ist auch ok.
Es ist für mich auch nicht schlimm, wenn dadurch Gesprächspausen entstehen. Ich genieße inzwischen sogar manchmal Gesprächspausen, weil diese die Gedanken beruhigen können und Raum für neue lassen. Ich weiß aber auch, dass manche Menschen dies nicht so empfinden und Gesprächspausen nur schwer ertragen.
Das letzte Mal habe ich in der Selbsthilfegruppe einen Mann schwer bedrängt, um ihm meine Sicht der Dinge nahe zu bringen. Ich meinte, bei ihm etwas erkannt zu haben und wollte ihm helfen, dass es ihm besser geht. Ich habe ihn schon recht heftig mit seinen Schwächen konfrontiert. Ich habe mich danach per SMS dafür entschuldigt. Aber ob es etwas genutzt hat, weiß ich nicht. Ich weiß ja auch nicht sicher, ob ich mit meinen Ideen richtig lag. Ich war viel zu ungeduldig gewesen und hätte ihn vorsichtig heranführen sollen, damit er das Ganze besser annehmen kann. Ich hoffe, ich habe ihn nicht so sehr verschreckt, dass er nicht mehr zur Selbsthilfegruppe kommt.
Zu meiner Entschuldigung sage ich aber, dass der Betreffende in den letzten Treffen ausnahmslos negative Aussagen gemacht hatte. Jedem Satz ist er mit ablehnendem Widerstand begegnet und hat ihm alles Positive entzogen. Dann ist mir beim letzten Mal der Geduldsfaden gerissen und ich habe das Problem offen angesprochen. Na ja, vielleicht habe ich mich gar nicht so falsch verhalten. Mal sehen wie es weitergeht, wenn ich ihn wieder treffe.
Die oben erwähnte Gesprächsführung nennt man auch aktives Zuhören und das musste ich in vielen Jahren mühsam erlernen. Früher war ich ein Mensch gewesen, der anderen oft den Raum genommen hat, sich in Ruhe zu öffnen. Mir war es wichtiger meine Gedanken an die Frau und an den Mann zu bringen, als dem Anderen und der Anderen die Freiheit zu lassen, sich zu öffnen, einen Gedanken zu entwickeln und ihn zu Ende zu führen. Im antiken Griechenland war es in philosophischen Gesprächen sogar üblich den Gedankengang, so wörtlich wie möglich zu wiederholen, bis man dann zu den eigenen Argumenten gekommen ist. Soweit möchte ich nicht gehen, aber es ist sehr hilfreich gelegentlich den Gesprächsinhalt zu wiederholen, damit man signalisiert: ich höre noch zu und verstehe dich. Das ist sehr hilfreich für ein gutes und harmonisches Gespräch.
Sicher kann ich das alles noch nicht richtig gut, weil ich teilweise immer noch meinen Impulsen nachgebe und andere gelegentlich auch unterbreche, wenn es unangebracht ist. Ich werde mir aber auch in Zukunft erlauben Menschen zu unterbrechen, wenn ich merke, dass ich als Zuhörer missbraucht werde oder Menschen mich mit oberflächlichen Themen belagern. Oder noch besser: ich entziehe mich der Situation, indem ich das Gespräch beende und weiter meines Weges gehe.
Das meine ich, wenn ich von einer unterstützenden Grundhaltung anderen Menschen gegenüber spreche. Ich hoffe, ich habe mich verständlich ausgedrückt.
In diesem Blogbeitrag ging es um Gesprächsführung. Vielleicht schreibe ich in einem Zukünftigen über eine grundsätzlich unterstützende Haltung, wie es uns Jesus in der Bibel lehrt.
Danke liebe Leserin und lieber Leser, dass du diesen jetzt doch recht langen Beitrag gelesen hast und nun meinen Gedanken gefolgt bist. Vielleicht kann ich irgendwann auch den deinen folgen.
Lebe wohl bis zum nächsten Mal...
Rainer
Hi Rainer, ein schöner Beitrag, dessen Inhalt ich voll teile. Auch ich als Genesungshelfer höre vor allem zu und greife eigentlich nur ein, wenn ich das Gefühl habe, dass meine Gedanken zum Gespräch dem Gegenüber etwas sinnvoll beitragen. "Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über" (Matthäus 12: 34). Als Genesungshelfer muss man vor allem für die Not des Klienten ein offenes Ohr haben. LG, Klaus
AntwortenLöschenLieber Klaus,
Löschendanke für deinen Kommentar!
Es ist für mich immer wieder erstaunlich, welches Redebedürfnis Menschen haben können und damit meine ich nicht psychisch belastet Menschen, sondern Menschen ohne Psychiatrieerfahrung. Manchmal genügt nur eine Frage, damit ein Mensch ohne Unterbrechung darauf los redet. Leider werden da auch oft Dinge gesagt, bei denen ich mich anstrengen muss, konzentriert zu bleiben. Zudem kostet mich intensives Zuhören Kraft und Energie, so dass ich mich auch immer wieder schützen muss. In sozialen Berufen ist Zuhören das oberste Gebot. Leider habe ich festgestellt, je höher man in den Hierarchien kommt, desto weniger wird zugehört. Scheinbar sind Vielredner erfolgreicher. Allerdings gibt es, Gott sei Dank, Ausnahmen.
Hab eine gute Zeit und bis bald...
Lieber Rainer,
AntwortenLöschenja, du hast das alles gut beobachtet. Etliche Menschen freuen sich, wenn sie jemandem etwas erzählen dürfen und einen ehrlichen Zuhörer haben.
Aber in dem Fall, den du geschildert hast, ist es vielleicht in solchen Fällen auch mal angebracht, dass man gelegentlich auch mal ein "STOPP"-Zeichen setzt, wenn Anmerkungen negativ unangebracht sind oder alles droht zu triggern.