Weihnachtsgottesdienst 2022
Du gehst auf die Kirche zu. Es geht dir gut. Das ältere Ehepaar lässt dich freundlich an ihnen vorbei. Du wünschst Ihnen frohe Weihnachten. Alleine, ohne weitere Ansprache betrittst du die Kirche. Gut, dass du früher gekommenen bist; es sind schon viele Plätze besetzt. Du liest im Programmheft und schaust dir nochmal den Mailwechsel mit der Pfarrerin an. Wie so oft nimmst du deine Umgebung gar nicht richtig wahr, sonst wäre dir aufgefallen, wie schön die Kirche geschmückt ist. Die vielen Kerzen am Altar. Der hohe Tannenbaum mit den funkelnden Kugeln und die vielen Lichter an seinen Zweigen. Erst als die Pfarrerin am Ende des Gottesdienstes auf die Menschen hinwies, die das alles geschmückt haben, konntest du es bewußt sehen.
Als das erste Weihnachtslied erklang und die Stimmen der Kirchgänger den Raum füllten, begannen Tränen dir deine Augen zu füllen. Erinnerungen an das Weihnachten in deinem Elternhaus in deinen jungen Jahren stiegen auf; an das Weihnachtslieder singen; wie aufgeregt du warst auf dem Akkordeon den Eltern vorzuspielen; Trauer darüber, dass du nie wirklich auf Augenhöhe mit deinem Vater reden konntest. Gerne hättest du dich von Mann zu Mann mit ihm unterhalten. Ohne die Angst, die du bis zu seinem Tod vor ihm hattest. Jetzt spürst DU den Wunsch sein Freund zu werden, wie er es sich zu seinen Lebzeiten gewünscht hatte. Er war zu früh gestorben und du bist zu spät erwachsen geworden.
Du kannst dich nicht erinnern, wann du das letzte Mal zu Weihnachten in der Kirche gewesen warst. Schon früh bist du nicht mehr mit den Eltern mitgegangen. Danach spielte der Kirchgang keine Rolle mehr in deinem Leben. Du bedauerst es, dass du erst jetzt, so spät, zurückgefunden hast. Aber alles hat eben seine Zeit.
Weihnachten ist ein Fest der Freude über die Geburt des menschgewordenen Sohn Gottes Jesus Christus. In ihm zeigt sich der unfassbar große, unendliche, ewige, allmächtige Gott, sodass wir verstehen und nach Jesus Vorbild handeln können.
Und du sitzt weinend in der Kirchenbank, ohne dass du eigentlich weißt, was die Gründe für dein Weinen sind. In solchen Momenten meldet sich der vielfältige Schmerz, den man alltäglich ansammelt und die grundsätzliche Beschwerlichkeit deines Lebens, das Tiefe hat und Tiefe haben will.
Du saugst den abschließenden Segen der Pfarrerin in dir auf.
Ganz unerwartet, ganz überraschend ergibt sich ein Gespräch mit einer Frau, die dich kennt. Du hattest schon mit ihr telefoniert wegen ihres Vaters. Sie stellt dich ihren Eltern vor, die sich sehr freuen, als du ihnen ihre Unterstützung anbietest. Du wirst die beiden älteren Herrschaften nach Weihnachten aufsuchen - das nimmst du dir ganz fest vor. Sie wohnen nur eine Straße weiter.
Du bist sehr dankbar für diesen wunderbaren Gottesdienst!
Auf dem Heimweg dankst du Jesus, dass er so lange gewartet hat, bist du bereit warst, ihn in deinem Herzen zu spüren und ihn anzubeten.
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